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Orkusbriefe

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Zeuxis offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 16:15 Antworten mit Zitat

Liebes Forum,

als ich vor einigen Jahren in einem Zug die letzten Seiten des 'Goldenen Esels' las, hatte ich die Idee dem Verfasser einen Brief zu schreiben. Natürlich tat ich es nicht, denn wer hat im Interaktionszeitalter noch Zeit Netzwerke mit Toten aufzubauen?
Später las ich dann, dass Petrarca auch seinen antiken Vorgängern schrieb (denn auch die meisten unsinnigen Ideen wurden schon einmal gedacht).
Orkusbriefe sind also keine Leserbriefe zur Zeitung, sondern praktisch eine Gattung und die Adresse, wo sie hingehen - nämlich über den Styx.

Bekränzte Hähne wie Petrarca nutzten natürlich solche Briefe, um mit ihrem fabelhaften Hochlatein zu brillieren. Hier soll es natürlich eher darum gehen den anderen auf mal andere Art verstorbene Autoren vorzustellen.

Grüße,

Euer Z.

P.S.: Wer an Dan Brown oder Wolfgang Hohlbein schreiben will, muss noch abwarten oder entsprechende Schritte einleiten
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Scotty Blue offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 16:38 Antworten mit Zitat
Der Fotograph
oO?
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DragonAscendant offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 17:52 Antworten mit Zitat

Ich glaub er will, das wir fiktive Briefe an unsere Lieblingsautoren schreiben.
Genau kann ich´s aber nicht sagen, ich spreche kein Zeuxisch.

_________________
http://dragonscustoms.blogspot.com/
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Zeuxis offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 18:00 Antworten mit Zitat

Hm vielleicht ein Beispiel,

Lieber Apuleius,

ich habe mit Vergnügen dein Buch 'der goldene Esel' gelesen. Naja so heißt es jetzt, du hast es ja glaube ich nur Metamorphosen genannt.

Leider muss ich dir mitteilen, dass kaum einer dein Buch noch kennt. Dein eigener Titel ist ja ziemlich auswechselbar und ein depressives Bürschchen aus Prag hat sich der Idee bedient und sein Käfer erfreut sich größerer Beliebtheit als dein Esel. Außerdem lässt der Titel eher an Grimms Märchen denken (bedank dich bei Augustinius) und nicht an die Sex-and-Crime Story die es ist.

Berühmt ist dein Roman schon, weil er noch vollständig überliefert ist, was wohl ein zweifelhafter Ruhm ist. Damit ist dein Roman unser erster überhaupt und Romane verkaufen sich heute etwa so, wie bei euch Landwein mit Honig.

Allerdings wäre mir ein Fragment lieber gewesen, denn nach hinten hin, hat es ziemliche Längen. War es der baldige Tod, der dich immer inzestösere Verhältnisse und hinterhältigere Verbrechen ersinnen ließ? Das Ende ist dann plötzlich und versöhnlich.

Toll finde ich, dass du dich als Verfasser selbst zum Esel machst, wenige machen das vorsetzlich. Doch das abgeklärte, stoische Tier bekam kein Denkmal, dies schaffte nur die eingebettete Geschichte um Amors Bett und Psyche, die ihn darin zu fassen kriegt. Naja, so eine dramatische Romantik liegt einem Bildhauer wie Canova natürlich mehr, als einen grauen Esel. Zusammengenommen mit Gregor Samsa, erkennt man, dass das romantisch Schöne und das verstörend Eklige die besten Chancen dargestellt und erhalten zu werden.
Der genügsame Esel stirbt langsam aus. Vielleicht ändert sich das, wenn die Wiederbelebung des Hexenhobbies eine Professionalität erreicht, die Verwandlungen ermöglicht.

Bis dahin Alles Gute

Z.
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thinkorsink offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 18:24 Antworten mit Zitat

Wohnort: Basel
SEHR SCHÖN! Wirklich!!! Gerne mehr davon...

Dabei fällt mir ein: Ich muss meinem absoluten Lieblingsjuden Wink, dem "depressives Bürschchen aus Prag", nochmal die Ehre erweisen und mir zum x-ten mal mit Hochgenuss den weiteren Verlauf der kleinen Geschichte zu Gemüte führen, die so vielversprechend beginnt mit meinem Lieblingssatz der deutschen Literatur: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." ...

Smile Smile Smile Smile Smile Smile
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daniels offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 18:35 Antworten mit Zitat
Kleines Kind mit Lolli
Wohnort: Andernach
Ja, Die Verwandlung ist ein hübsches Buch. Winke Winke

_________________
Through the darkness of futures past, the magician longs to see. One chants out between two worlds: "Fire Walk With Me."
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Zeuxis offline
Verfasst am: Do Aug 03, 2006 20:13 Antworten mit Zitat

thinkorsink hat Folgendes geschrieben:
Gerne mehr davon...

Dabei fällt mir ein: Ich muss meinem absoluten Lieblingsjuden Wink, dem "depressives Bürschchen aus Prag", nochmal die Ehre erweisen [...]


...dann schreib doch an Franz.
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Marcus offline
Verfasst am: So Okt 22, 2006 14:14 Antworten mit Zitat
aka Ahab, Nikita, anakin, plautze-robin
Sehr geehrter Herr Herman Melville,

Ich danke Ihnen, dass Sie mein Leben mit Ihrem Roman "Moby Dick" bereichert und mein Interesse für alles, was mit Seefahrt zusammenhängt, geweckt haben.

Bei Moby Dick handelt es sich bei weitem nicht um ein einschichtiges Kinderbuch, nein, es ist vielmehr ein epischer Roman mit mehreren Erzählebenen!

So spielt sich eine Erzählebene auf der Stufe der einfachen Seeleute ab. Erzählt wird ihr Alltag, ihre Sorgen und Ängste, sowie ihr Aberglauben, gemeinhin Seemannsgarn genannt.

Anders als bei Karl May merkt man hierbei, dass Sie, verehrter Herr Melville, nicht Dinge aus dem Leben von einfachen Seeleuten berichten, die Sie von anderen gehört haben, sondern von einem Alltag erzählen, den Sie selbst als Walfänger erlebt haben und von Ihnen selbst als so bedrückend empfunden wurde, dass Sie von einem Walfangschiff auf eine einsame Südseeinsel desertiert sind, worüber Sie auch einen Roman geschrieben haben, den ich leider bisher noch nicht gelesen habe...

Die andere Erzählebene handelt von dem Selbstverständnis mit dem Walfang in Ihrer Epoche betrieben wird.

Walfang ist in Ihrer Epoche Dienst an der Menschheit, weil der Waltran in Lampen auf der ganzen Welt Licht und Wärme spendet und damit dem Fortschritt dient.

Sie erzählen somit auch vom Fortschrittsglauben Ihrer Zeit, den Sie aber auch ganz hintersinnig mit der Geschichte von der Jagd auf den weißen Wal kritisieren.

So erzählt dieser Roman auch von Menschen, die im Glauben an ihre technischen Möglichkeiten die Natur herausfordern und wegen Ihren mangelnden Respekt vor der Natur trotz ihrer Technik untergehen.

Aber auch eine psychologische Erzählebene enthält Ihr Roman.

So handelt Ihr Roman von einem Mann, Käptn Ahab, , den der Hass mehr und mehr zerfrisst und trotz seiner überragenden Intelligenz immer weiter in den Wahnsinn und somit in den Untergang treibt.

Käptn Ahab ist nicht nur ein bösartiger Verrückter, nein, er ist auch ein Opfer, das seelisch zerrissen ist und immer weiter zerrissen wird, weil es nicht die Kraft findet zu vergeben und zu vergessen, weil es nicht bemerkt, dass es erst sein eigener Hochmut gegen die Natur in diese Lage gebracht hat.

Das unterscheidet Käptn Ahab von dem Käptn des Walfängers, dem Moby Dick den Arm abgerissen hat.

Dieser hat Demut vor der Schöpfung gelernt und fordert die ungebändigte Natur nicht mehr hinaus.

Aber auch einen anderen Konflikt enthält der Roman, nämlich den zwischen dem Ersten Offizier Starbuck und Käptn Ahab.

Starbuck weiß, dass Ahab die Mannschaft in den Untergang führen wird. Er will Ahab absetzen, zögert aber, weil Ahab der Käptn und damit aus der Sicht seiner Zeit der Stellvertreter Gottes auf Erden ist.

Der Roman handelt somit auch von einem Gewissens- und Gehorsamskonflikt, der angesichts der jüngeren deutschen Geschichte, in der sich auch viele Menschen auf ihre Gehorsamspflicht gegenüber einem Diktator berufen haben, immer noch aktuell ist.

Dies beweist, dass Ihr Roman nach wie vor aktuell ist.

Ich gratuliere Ihnen daher dafür, dass Sie mit Ihrem Werk für mich einen Klassiker der Weltliteratur geschaffen haben.

Hochachtungsvoll,

Käptn Ahab.

_________________
Es lügt auch der, der die Wahrheit verschweigt. (Aus Schottland)
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Zeuxis offline
Verfasst am: So Okt 22, 2006 16:00 Antworten mit Zitat

(Geleitwort des Herausgebers)

Lieber Herr Melville,

in unserem Forum ist jüngst ein Brief an sie veröffentlicht worden, den ich Ihnen nochmal besonders ans Herz legen will, da er zeigt, dass ihr Buch immer noch entzündet wie guter alter Walrat.

Innerhalb unserer Reihe der Orkusbriefe erscheint ihr Werk direkt hinter Apuleius, was etwas den Eindruck erzeugt, dass seit Erfindung des Romans und 1851 kaum bedeutendes in dieser Gattung geschrieben wurde und solange hier keine Verehrer Defoes, Goethes, Dumas, etc. auftaucht, mögen sie diesen Ehrenplatz auch behalten.

Für den Autor, dessen Identifikation mit ihrem Protagonisten so weit geht, dass sie nominell wird (was ihm skeptische Begutachtung der Forumspsychologin eingebracht hat) scheint es ein richtiger Initiationsroman. Das sind Bücher, die dem Jugendlichen gleich wie die Siegel der Chaldäer ein Tor aufschlagen zu einem tieferen Verständniss. Jenes Schlüsselwerk mag der Steppenwolf sein, die Leiden des jungen W. oder auch etwas von Kafka, oft ist es aber immer noch 'Moby Dick', der die Jugendlichen (unserer Generation) anheuerte zur Beutefahrt auf den Weltmeeren.

Für mich jedoch war der Wal es eindeutig nicht und ich möchte diesen Brief deshalb auch nutzen, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.

Es gab nämlich wohl ein Moby Dick Buch in der Familie, wie ja in allen Familien immer eine kleine Auswahl von Jugendbüchern weiter gereicht wird. Bevor ich aber auf den Inhalt wirklich aufmerksam werden konnte, hatte ich ein Buch, was wohl irgendwie so hieß wie der "der kleine Spion" (es war ja schließlich noch kalter Krieg). Darin war genau beschrieben, wie man Geheimverstecke und tote Briefkästen anlegte. Unter anderem auch, wie man seine geheime Ausrüstung in Büchern verstecken könne. So nahm ich mir also dass Portfolio der alten Bücher meines Vaters vor: die meisten schieden durch mangelnden Umfang und Bindung aus. Es blieben etwa drei übrig: die fünf Freunde wollte ich in jedem Fall noch selber lesen (zumal dies ja auch wichtig für meine Ausbildung als kleinen Spion/Detektiv war), in 80 Tagen um die Welt, erschien mir nicht als sonderlich schnell, da Agenten damals stets mit der Concorde flogen, aber der Reiz des Buches mit den Kupferstichen ließ es mich auch zurückstellen.
Es blieb, und heute hasse ich mich dafür wie Ahab, nur noch Moby Dick. Wer um alles in der Welt, will ein 1000 seitiges Buch lesen, was nur von einem weißen Wal erzählt. Das war ja irrationaler als 'Fang die Taube' ( Hanna-Babera). Das Format passte auch und so wurde der dicke Schinken abgespeckt, indem ich das gehaltvolle Innere hinausschnitt und nur noch das Gehäuse zurückließ.
Heute gibt es diesen verstümmelten Moby Dick nicht mehr, auch die hochwichtigen Spionageutensilien sind mir noch vor der Wende abhanden gekommen, aber ich habe es nun doch nochmal geschafft, mich dem weißen Wal zu nähern und seine Geschichte zu hören (mp3, von 2001).

Unser Ahab hat viele Aspekte schon genannt. Jedoch nicht auf eines, was ich Ishmael-Krankheit nennen will. Ich selber fühle die Erreger dieser tückischen Plage schon im eigenen Geist.
Obgleich dieses Schiff im Nirgendwo kreuzt und damit für Monate getrennt von jeglicher Zivilisation, schleppt Ismael das ganze Abendland mit. Assoziationen aus Jahrtausenden suchen ihn heim, sobald sich nur irgendeine Handlung einstellt.
Ismael du einfältiger Teerhosenträger, du bist kein Argonaut! Ahab nicht Lear! Was bliebe vom Roman, wenn man Ismaels Wissen abspecken würde, seine ständigen Bezüge abhauen würde? Wäre er dann vielleicht noch näher am eigentlichen Drama? Sollte man seine ständige Rezeption, sein Wiederkäuen des Weltwissens nicht über Bord werfen?
Nun ich habe schon einen Moby Dick verschnitten. Ich werde es nicht wieder tun. Doch jeder sollte sich fragen, wo er selbst die Ishmael-Krankheit (die ständige Assoziation des Gegenwärtigen mit Fiktivem oder Vergangenem) mit sich rumträgt, egal ob seine Vergleichsfiguren die Heroen der Weltgeschichte, die Simpsons oder Marienhof sind.

Am Ende denke ich nun selbst (befallen von der Krankheit) an die Briefe, die von den Walfangschiffen befördert werden. Teilweise geschrieben in festem Glauben, dass der Seemann noch lebt, obwohl er längst obenauf schwimmt.
Wir schreiben diese Briefe im Wissen, dass sie tot sind. Vielleicht können wir gerade dadurch im Umkehrschluss hoffen, dass sie von Ihnen gelesen werden.

Beste Grüße,

Z.
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